Wandern

„Wandern ist „in““

Christiane Ackermann im Interview mit Nadine Tillinger und Anne Quintus

Christiane Ackermann (M. A.) beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Thema „Wandern“. Kürzlich referierte sie, im kulturwissenschaftlichen Kolloquium, zum Thema „Wandern – zum (Image-) Wandel einer Freizeitbeschäftigung“. Nun durften zwei Studentinnen der Kulturwissenschaft noch einmal genauer nachfragen und Frau Ackermann zu diesem Thema interviewen.

Frau Ackermann, Sie beschäftigen sich in Ihrer Dissertation mit dem Thema Wandern. Wie ist Ihr Interesse am Forschungsthema entstanden?

Das Interesse an diesem Thema lag schon länger vor. Ich habe während meines Studiums bei der Rhein-Mosel-Eifel-Touristik gearbeitet und mich dort unter anderem mit dem Thema Wandern beschäftigt. Bei meiner jetzigen beruflichen Tätigkeit spielt das Wandern (erstellen von Flyern, Bewerbung von Wegen etc.) wieder eine Rolle. Meine Dissertation wollte ich, wie auch die Magisterarbeit schon, in der Linguistik schreiben. Da hatte ich mir verschiedene Themen überlegt (z. B. Darstellung von Imagewandel in verschiedenen Bereichen) und schließlich im Gespräch mit Herrn Diekmannshenke das Ganze mit dem Wandern in Verbindung gebracht. Daraus resultierte schließlich das Thema. Der Titel meiner Arbeit steht noch nicht fest, aber ich möchte untersuchen, welche Texte das Wandern produziert (also neben Wanderführern auch Flyer, Karten, Wanderbücher, etc.) und wie diese sich von Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute geändert haben.

Dies wird also die sprachwissenschaftliche Untersuchung, wobei auch eine Rolle spielt, inwiefern das Wandern zurzeit einen Boom erlebt oder eine Art Wiedergeburt. Da ich allerdings noch eher am Anfang stehe, kann ich hier noch nicht mehr ins Detail gehen. Es ist natürlich immer möglich, dass sich während des Schreibens weitere Themenbereiche oder interessante Aspekte ergeben.

Würden Sie Wandern als kulturspezifische Freizeitbeschäftigung einstufen oder handelt es sich dabei um ein universelles Phänomen?

Es ist nicht ganz einfach für mich, diese Frage zu beantworten. Im Rahmen meiner Dissertation erarbeite ich gerade die Historie, die Entstehung dieser Freizeitaktivität. Der Mensch ist nicht schon immer gewandert, wie man häufig denkt. Auch wenn die Bewegung zu Fuß die einfachste ist, war es nicht selbstverständlich zu laufen. Gerade bevor die Eisenbahn oder andere Fortbewegungsmittel erfunden wurden, bewegten sich vor allem Handwerker oder aber Pilger zu Fuß. Höhere Stände ließen sich mit Kutschen oder Sänften bewegen.

Damals gab es so etwas wie einen Wanderzwang für Handwerker, da diese in der Ausbildung für eine gewisse Zeit nicht im Heimatbezirk sondern in anderen Gegenden arbeiten mussten. Eine weitere Fußreise, die oft getätigt wurde, war die Grand Tour der jungen Adeligen, die Gepflogenheiten an anderen Höfen und andere Kulturen kennen lernen sollten. Damals suchte man allerdings Wege durch die Natur, nicht in sie, es ging nur um die Zielerreichung, nicht um den Weg. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Wandern zum Selbstzweck „entdeckt“. Mit der Naturbegeisterung, die unter anderem Jean-Jaques Rousseau auslöste, änderte sich die „Angst“, die man vorher vor der Natur hatte in so etwas wie Neugier. Man suchte damals schon Wege weg von der Industrialisierung.

Wir haben vor kurzem gelesen, dass die Attraktivität des Wanderns auf einen Wertewandel zurückzuführen ist. Sie selbst haben von einem Imagewandel des Wanderns gesprochen. Ist ein etwaiger Wertewandel also aus der Gesellschaft hervorgegangen oder handelt es sich um einen Imagewandel, der durch den Einsatz von Medien herbeigeführt wurde?

Wahrscheinlich hat der Wertewandel ebenso einen Anteil am Imagewandel wie der Einsatz der Medien. Ich weiß nicht genau, was zuerst da war. Der Imagewandel macht sich in den Texten bemerkbar, die durch das Wandern produziert werden. Auch durch die Medien, die eingesetzt werden, also Internetseiten, Blogs oder auch die Verwendung von social media. Außerdem zeigen Untersuchungen, dass wieder sehr viel gewandert wird, gerade von jungen Leuten. Dies macht deutlich, dass das Image des Wanderns, das zunächst auch ideologisch geprägt war, durch Gruppierungen wie die Wandervögel, dann das Image einer „Alte-Leute-Aktivität“ hatte oder als „spießig“ galt, nun positiv, jung und dynamisch zu sein scheint. Wandern ist „in“, es ist ein Trend geworden. Dies hängt sicher auch damit zusammen, dass es dem Wanderer einfach gemacht wird. Die Infrastruktur ist hervorragend, sodass man ohne große Vorbereitung loslaufen kann. Das animiert gerade Gelegenheitswanderer.

Mit der zunehmenden Industrialisierung, dem Stress am Arbeitsplatz und dadurch, dass man ständig Technik ausgesetzt ist, kam sicher auch das Verlangen nach unberührter Natur, Ruhe und Gelassenheit zurück. Ich denke, das hat sich gegenseitig beeinflusst. Dazu gibt es natürlich viele Prominente, die mit gutem „Wanderbeispiel“ voran gehen. Manuel Andrack beispielsweise wandert immer wieder, auch hier in unserer Gegend und fasst dies in einigen Büchern zusammen. Auch Hape Kerkeling mit seiner Pilgertour auf dem Jacobsweg hat eine kleine Welle ausgelöst. Dies hatte zwar nicht direkt mit dem Wandern zu tun, hat aber viele bewegt Strecken zu Fuß zu laufen.

Aus Sicht der Ethnologie kommt der Frage nach dem Eigenen und Fremden eine große Bedeutung zu. Spielt dieser Aspekt auch beim Thema Wandern eine Rolle? Liegt Ihrer Meinung nach der Fokus darauf, die eigene Region mit einem fremden Blick zu betrachten oder gilt es „unbekannte Gebiete“ zu erschließen?

Hier kann man weder das eine noch das andere ganz ausschließen. Es geht beim Wandern sicher darum, die eigene Heimat mit einem neuen Blick zu sehen. Gerade Gelegenheitswanderer, die spontan aufbrechen, fahren in der Regel nicht noch weit weg um dort zu wandern. Die Heimat vom Wanderweg betrachtet, kann natürlich auch ein „unbekanntes Gebiet“ sein. Man sieht bekanntes aus einem ganz anderen Blickwinkel. Sicher geht es beim Wandern vor allem darum, Natur wahrzunehmen, einen ruhigen Ausgleich zu finden. Ausblicke, abwechslungsreiche Landschaft, weicher Boden, die sanfte Bewegung und das pure Naturerlebnis sind das Wichtigste. Dazu kommt, dass es oft auch auf das Gemeinschaftserlebnis ankommt. Der Geselligkeitsaspekt spielt eine große Rolle. Oft wandern Familien oder Gruppen gemeinsam, um dann auch gemeinsam Rast zu machen oder im Anschluss gemeinsam einzukehren. Man kann den Fokus also nicht auf die Landschaft beschränken. Hier wirken einige Aspekte zusammen, einer davon ist sicher das Sehen der Heimat aus einem anderen Blickwinkel.

Welches Interesse haben Regionen daran, sich selbst als reizvolle Wanderregion zu präsentieren?

Für die verschiedenen Regionen in Deutschland ist es natürlich nach wie vor, und gerade in Zeiten, wo günstige Flüge und anderweitige Angebote (Fern-)Reisen ermöglichen, die erschwinglich und einfach zu handhaben sind, wichtig als Domizil interessant zu bleiben. Das Wandern ist eine Freizeitaktivität, die in sehr vielen Regionen (passend zu verschiedenen Ansprüchen, vom sanften Wandern hin zum alpinen Wandern) zu verwirklichen ist.

Nachdem das Wandern wieder populär wurde und durch den Rheinsteig und andere Fernwanderwege beispielsweise „neuen Schwung“ bekam, begannen immer mehr Regionen sich dem Thema zu widmen. Dies geschah meist auch sehr professionell, durch Projektbüros und das Wanderinstitut, die solche Prozesse, durch ihr Know-how begleiten und so für eine sehr durchdachte Umsetzung neuer Wege sorgten. Heute ist es nicht nur eine Beschilderung und ein Wanderführer sondern ein ganzes Corporate-Identity- und Merchandising-System. Solche Wege lassen sich also vielfältig in vielen Regionen umsetzen, wodurch natürlich ein neues Marketing betrieben wird, das die Region attraktiv darstellt. Im Prinzip sind nach den Anfängen viele Regionen auf den Zug aufgesprungen um vom Wanderboom zu profitieren.

Abschließend interessiert uns natürlich die Frage, wie Sie die Zukunft des Wanderns einschätzen?

Ich denke das Wandern wird in Zukunft zunächst weiter beliebt bleiben oder noch beliebter werden. Gerade weil es eine weite Bandbreite an Möglichkeiten bietet. Es ist möglich, zu Hause, im Prinzip vor der eigenen Tür, eine Wanderung zu machen. Dazu bedarf es wenig Planung und Ausrüstung, ist also spontan und günstig möglich. Genauso gibt es aber Angebote für Kurztrips, Wanderwochenenden auf Steigen oder Ähnliches oder auch längere Wanderreisen. Durch die Vermarktung der Wanderregionen als Komplettangebot gibt es für verschiedenste Zielgruppen Angebote. Vom passionierten, sportlichen Wanderer, der einen Steig komplett laufen möchte oder alle 26 Traumpfade auf der Liste hat, bis zum Gelegenheitswanderer, der spontan „mit Kind und Kegel“ loszieht, um die Heimat neu zu entdecken.

Des Weiteren ist es in unserer heutigen Gesellschaft gerade aufgrund der zunehmenden Technisierung, des ständigen „Erreichbar-seins“ und den hohen Anforderungen im Beruf bereits schonwieder ein Trend, die Erholung in der Natur zu suchen, ohne Aufwand und ohne Flugreise.

Für diejenigen, die ohne Technik nicht können oder wollen gibt es zudem weitere Angebote, wie das Laufen nach GPS-System oder auch die Outdooraktivität des Geocachings, welche oft mit dem Wandern kombiniert wird.

Natürlich ist es, wie im Vortrag bereits erwähnt, für den Wanderer heute immer einfacher, er bekommt die Natur regelrecht serviert und ein (fast inszeniertes) Naturerlebnis. Auch dies ist ein Punkt, der das Wandern für viele (wieder) so attraktiv macht.

Liebe Frau Ackermann, vielen Dank für das sehr interessante und äußerst aufschlussreiche Interview!

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