Vagabundenliteratur

Reflexionen zum Vortrag von Walter Fähnders: „Straße, endlose Straße“ – Vagabundenliteratur und Vagabondage (1900-1933).

Der Weg ist das Ziel! — eine stark abgenutzte und auch sicherlich eine relativ ungern gehörte Phrase, auch wenn sie selbstbezüglich noch so gern genutzt wird von Globetrottern, Backpackern, Pilgern und anderen freiwillig Reisenden, die sich für die zurückzulegende Wegstrecke viel Zeit nehmen.
Wenn man allerdings auf einen Prozess Bezug nimmt, der von ureigenstem Belang eines anderen Menschen ist, so kann diese Phrase viel tiefere Wertzuschreibungen und soziale Imperative implizieren als auf den ersten Blick ersichtlich. Verfolgen wir einmal einen kurzen Gedankengang und kommentieren mit diesem Satz das ‚rastlose Umherstreifen‘ des Vagabunden, des uns von Kindesbeinen an bekannten ‚Landstreichers‘. Ob wir nun über ihn oder mit ihm reden, mit dieser Phrase grenzen wir ihn von uns ab, grenzen wir ihn aus unserer sozialen Welt aus: Was auch immer dein Ziel sein mag, hier ist es nicht, bei mir ist es nicht, lauf’ vorbei — denn der Weg ist das Ziel! Interessanterweise hat dieser Gedankengang allerdings das selbe, exkludierende Resultat, wenn wir voraussetzen, dass sich ein Mensch freiwillig zur Vagabondage entschieden hat und dieser so über sich und sein Unterwegsein reflektiert.
Wie dem auch sei: In beiden Fällen können soziale Zugehörigkeiten und Grenzen definiert und vermittels eines Sprichwortes die Exklusion von Individuen oder Gruppen aus einer Gesamtgesellschaft artikuliert werden.
Authentische Vagabunden, so wie sie uns aus der verklärenden, romantisierenden literarischen Schilderung vertraut sind, gibt es kaum mehr. Der glühende Stern der Freiheit — einer tatsächlichen und als Absolutheit propagierten oder nur einer vermeintlichen Freiheit? — ist erloschen. Ob dies bedauerlich ist oder nicht — darauf vermag hier keine Antwort gegeben zu werden, schließlich hat auch diese Medaille zwei Seiten. Es ist sicherlich nicht bedauerlich, dass tendenziell immer weniger Menschen in eine derart überwältigende wirtschaftliche Not gerieten oder so stark sozial ausgegrenzt wurden, dass sie zum Leben auf der Straße gezwungen waren. Andererseits waren Vaganten nicht nur eine Klasse von Menschen, die, auf den untersten sozialen Stufen angesiedelt, ein geringes Prestige genoss. Sie repräsentierten mitunter auch eine Ideologie, einen Überbau, den zu leben dem Proletariat oder gar dem Bürgertum weder möglich noch von diesen gewünscht war. Vagabunden schufen sich einen Klassenstolz, der, aus externer Sicht, in krassem Kontrast zu ihren Lebensumständen steht. Aus eigener Sicht wiederum wird er jedoch gerechtfertigt gerade durch diese Lebensumstände, die schließlich auch aus freien Stücken gewählt sein können und nicht unbedingt durch äußere Zwänge entstanden sein müssen: Sie verkörpern durch ihre Mobilität konsequent die propagierte Freiheit des Menschen, durch ihr entbehrungsreiches Leben erteilen sie der Verführung zu Besitz und Konsum eine radikale Absage.
Eine Absage erteilen Vagabunden ebenfalls der bürgerlichen Gesellschaft, sie bestätigen mit ihrer mitunter freiwilligen Vagabondage die gesellschaftlich kreierte Exklusion. Das Unterwegsein wird zum utopischen Ideal und bringt einen grotesken Sozialnarzissmus hervor, der das soziale Stigma der Heimat- und Arbeitslosigkeit in eine diametral entgegengesetzte Empfindung verkehrt — und der den sozialen Standard des erwerbstätigen, sesshaften Lebens zu verachtenswerter bürgerlicher Enge und Verpflichtung degradiert. Insbesondere die Weimarer Republik kann man als Zeit des Aufbruchs, aber auch der Orientierungslosigkeit bezeichnen, als Zeit der Generationenkonflikte und als ideologische Zeitenwende. All dies fand seinen Ausdruck in der Lebensweise der Vagabunden und ihrem Erbe, den literarischen Aufzeichnungen.
Also können wir hier — sowohl aus einer internen als auch einer externen Perspektive, die sich in ihrem Gehalt und ihrer Semantik radikal voneinander unterscheiden — doch mutmaßen, dass der Weg sehr wohl das Ziel gewesen sein kann.

Kathrin Kappenstein

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„Und wenn du draußen wohnst, bist du ein Teil des Universums“

Interview mit einem modernen „Vagabunden“ von Carolin Falk

Wenn wir heute an ein Äquivalent zum Vagabunden von damals denken, fällt uns vermutlich nur der Obdachlose ein. Manche von ihnen sind freiwillig auf der Straße, andere nicht. Sie sind ausgeschlossen aus der Gesellschaft, teils weil sie es so wollen, teils weil die Gesellschaft es so will. Sie können selbst nicht viel zu ihrem Überleben beitragen und leben auf Kosten der Gesellschaft und sind von ihr abhängig.
Den typischen Vagabunden wie es ihn Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gab, gibt es heute nicht mehr. Aber es gibt da jemanden, der ziemlich nah an den Typ des Vagabunden von damals heranreicht. Sein Name ist Helmut Ottiger. Er wurde 1964 an der hessischen Bergstraße geboren. Er studierte Ethnologie im Hauptfach und Kulturanthropologie sowie Germanistik (Sprechwissenschaft) im Nebenfach.
Etwa um 1985 herum begann er, draußen zu leben. Dabei kann man ihn nicht mit einem Obdachlosen vergleichen, auch nicht mit einem damaligen Vagabunden: Helmut wollte autark leben, wobei ihm anfangs Hühner halfen, später auch Ziegen und ein Esel. Es gab keine revolutionäre Idee dahinter, er wollte nicht betteln und er war auch kein Arbeitsverweigerer. Er lebte einfach anders als alle anderen.
Und er reiste auch anders als alle anderen. Dazu begleiteten ihn seine Tiere. Die erste längere Reise, die er unternahm, erfolgte auf dem Fahrrad, mit damaliger Lebensgefährtin und den drei Hühnern. Später, als er auch Ziegen und einen Esel hatte, reiste er zu Fuß mit einem Planwagen, der vom Esel gezogen wurde.
Im Folgenden erzählt er selbst von seinem Lebensgefühl und seinen Erfahrungen.
(Das Interview ist auf Grund seiner Länge gekürzt.)

Interview mit Helmut Ottiger vom 28.09.2012
Carolin: Wie habt ihr euch versorgt, ernährt und finanziert?
Helmut: Zunächst mal hatte ich drei Hühner dabei. Das heißt, die Grundversorgung mit Eiern, die war schon erledigt. Und dann erlebt man plötzlich, dass Eier viel mehr hergeben als man glaubt.Also es ist nicht nur das Frühstücksei sonntags, sondern dass ist auch die Grundlage, um irgendwelche Mehlspeisen damit anzureichern. Ich musste also noch Mehl kaufen und ab und zu Gemüse oder auch Obst finden, denn ich war ja unterwegs, es wächst einem ja alles in den Hals. Ich bin aufgebrochen, wann war es denn in welchem Monat? Im Juli war’s, die herrlichste Zeit
eigentlich und mit jedem Monat, den ich verlebt hab’, bin ich dem paradiesischem Erntesegen, den unsere Breiten hier zu bieten haben, näher gekommen. Das heißt, ich hab’ mich eigentlich von dem ernährt, was ich gefunden hab’.
Ich erinnere mich noch, so die ersten Tage hatte ich, ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hatte, auf dem Fahrrad einen Handfeger dabei und ’ne Kehrschaufel. Kein Mensch hat ’nen Handfeger und ’ne Kehrschaufel dabei. Ich hatte das irgendwie als Instinkt, das muss ich mitnehmen. Sieht saublöd aus, auf ’nem Fahrrad. Hat sich unheimlich bewährt, weil ich damit immer das Getreide zusammenfegen konnte, was die Bauern von ihren Wagen verloren haben. Und das sind stattliche Mengen. Da hatte ich also ganze Einkaufstüten voll Weizen oder später Gerste, was halt immer reif wurde und dazu die Eier, die ich von meinen Hühnern hatte. Und die Hühner liefen viel draußen rum, die haben sich also selbst ernährt. Die kannten bald ihren Wagen und das hat sich als eine wunderschöne Symbiose gezeigt und dann, wenn du mit Tieren unterwegs bist, kannst du dich gar nicht mehr retten vor Futterspenden.
Da kommen die Leute, die dich sehen, und bringen irgendwelche Sachen zum Essen, das können Reste sein, das kann Neues sein. Erstaunlicherweise bringen die nur Sachen, die die Hühner fressen können. Also deine Tiere, die du dabei hast. Ich kann also meinen Tieren das Essen wieder wegnehmen und hatte selber genug.
Also echt, Vagabund wie es Eichendorff in seinen rosigsten Farben geschildert hat. Nur noch schöner.
Carolin: Wie haben denn die Menschen auf euch reagiert?
Helmut: Reagieren immer so, wie es ihre wirtschaftlichen Umstände zulassen. Das war damals eine sehr reiche Zeit in Deutschland. Du konntest machen was du wolltest und hast Geld verdient. Und wenn die Gesellschaft so reich ist, dann ist sie Tieren gegenüber unheimlich aufgeschlossen. Tierschutz muss man sich leisten können. Den konnte man sich damals leisten, also war jeder Tierschützer. Und deswegen war eigentlich die Gegenwart der Hühner das Vitamin, das mir alle Leute sympathisch gemacht hat. Egal wo ich hinkam. Selbst wenn das Leute waren, die sich vor Hühnern gegraust haben, weil sie ’ne Vogelphobie hatten, oder die vor 20 Jahren mit der Hühnerhaltung selbst aufgehört hatten und sie eigentlich nicht mehr sehen konnten, sie waren alle freundlich.
Dank der Tiere haben die Menschen immer sehr freundlich auf mich reagiert.
Carolin: Gibt es eine Erfahrung diesbezüglich, die dir besonders positiv in Erinnerung geblieben ist?
Helmut: Die Futterspenden, ja. Ansonsten, ich hab’ eigentlich so autark gelebt, dass ich die Leute gar nicht gebraucht hab’. Und wenn du jemanden nicht brauchst, fällt er dir auch nicht als sehr positiv auf. Das war eigentlich immer umgekehrt. Ich kam mit völlig leeren Händen an und hab den Leuten gegeben. Deswegen sind so viele mitgereist, die haben da irgendwie so einen Heiland gesehen, einen Guru oder sonst was. Ich hatte also gar nichts. Ich konnte niemandem sagen: „Hey ich hab ’n Bett, ich hab’ ’ne Wohnung.“ Nein hatte ich alles nicht. Ich hatte gar nichts außer meinem scheiß Planwagen und meinem Fahrrad. Aber da ich so autark gelebt hab’, mit den Tieren und mit dem, was ich gefunden hab’, mich dabei also zu einem echten Naturfreak entwickelt. Ich konnte dann also sehr bald Essbares von Unessbarem unterscheiden. Hab’ ich den Leuten eigentlich ständig nur irgendwas erzählen können, so wie dir jetzt, und die standen stunden-, tagelang daneben und haben gesagt: „Ja das wollte ich eigentlich schon immer wissen.“
Insofern, die Kontakte waren immer freundlich, nett.
Wegen der Tiere hatte Helmut oft Schwierigkeiten Grenzen zu passieren und musste oftmals wieder kehrtmachen.
Carolin: Wie hast du dich bei schwierigen Grenzsituationen verhalten? Warst du geduldig oder hast du aufgegeben?
Helmut: Nein, ich habe nie gesagt, ich lass es jetzt, aber auf der anderen Seite auch nie randaliert. Insofern, ich bin schon geduldig geblieben und hab gesagt naja, es geht eben nicht so. Und mein Lebenstempo war damals viel steinzeitlicher. Also ich hab damals in Sommern gerechnet. Heute rechnet man in Minuten. ‚Ja dann warte ich halt ein, zwei Sommer, ist ja nicht so schlimm.’ Heute würdest du allein diesen Gedanken nicht mehr verstehen. Es sei denn du lebst so. Du entschleunigst total, wenn du dich nicht in diese Wirtschaftshektik eingliederst.
Man denkt sich, naja dann klappt’s vielleicht nächsten Sommer oder übernächsten oder irgendwann und ich hatte Recht, irgendwann hat’s geklappt.
Wenn du als Vagabund, ich nenn das jetzt so, weil es zu deinem Thema passt, dann bist du eigentlich gar nicht mehr davor zu retten, Optimist zu werden. Und immer wenn ich Vertrauen ins Ungewisse gezeigt habe, hat sich das vielfach gelohnt. Das kleinste Zögern bestraft das Schicksal sofort.
Da ich damals quasi mit dem Unbekannten, dem Ungewissen per du war, jede Nacht war ungewiss, was passiert heute, wo schlafe ich morgen oder sonst irgendwas, war das eigentlich eine autobahnbreite Spur von Glück. Hat immer alles geklappt.
Carolin: Wie sah denn dein Reiseradius aus?
Helmut: Ich war eigentlich jahrelang irgendwo unterwegs zwischen Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen und auch Baden-Württemberg, das waren die vier Bundesländer, die ich immer wieder bereist hab.
Und es fährt sich ganz schnell als eine Routine ein, dass du über die Jahreszeiten so eine Art Trott entwickelst. Zu der Zeit bist du da und dort. Und wenn ich dann später in den Büchern nachgelesen hab’, im Ethnologiestudium, das machen alle Nomaden. Du hast nicht also irgendein zielloses Land vor dir, und latscht da mit Händen in den Taschen durch die Gegend, sondern, du weißt auch nicht, du hast keinen Plan, aber bist trotzdem immer wieder zur selben Zeit am selben Platz. Weil es sich einfach ereignet. Du machst es einfach. Zum Beispiel, um jetzt ein ganz profanes Beispiel zu sagen, wirst du im Herbst dahin gehen, wo sehr viele Früchte stehen. Klar, geht man da jeden Herbst wieder hin. Im Frühjahr gehst du da wieder hin, wo am schnellsten das Eis wegtaut, natürlich! Nur das kannst du nicht voraussagen, du machst dir keinen Plan und sagst: Mensch wie ist denn das, wo haben wir die höchsten Wärmegrade ab welchem Monat. Völliger Schwachsinn! Du weißt es einfach.
Nachdem Helmut gemeinsam mit seinen Hühnern gelebt hat und gereist ist, hat er eine Ziege samt Nachwuchs und einen Esel vor dem Tod bewahrt und sie in seine Lebensgemeinschaft integriert. Er baute in mehreren Probeläufen einen Planwagen und bildete den Esel zum Zugtier aus, um wieder frei umherziehen zu können und eine längere Reise anzutreten.
Helmut: (…) Eigentlich war das Ziel, nach Amerika zu kommen. 1992 in Amerika anzukommen zur 500-Jahr-Feier der Entdeckung von Amerika, war ja 1492, und mit den Indianern zu trauern, dass sie entdeckt worden sind. Oder sowas. Solidaritätskundgebung.
Wir kamen aber nie nach Amerika mit den Tieren.
Ich hatte die wildesten Pläne, wie man also mit ’nem Floß über den Atlantik kommt. Das war alles kein Problem in meinen Plänen. Aber da galt die alte Regel, planen geht schief. Sobald du Pläne hast, wird’s nichts.
Und dann einfach los nach Süden. Dazu ist auch ein Zeitungsartikel verfasst worden.
Die Überlegung war, möglichst schnell ans Mittelmeer zu kommen. Am Mittelmeer irgendwo ein Floß bauen und dann ab nach Amerika. Wir hatten zwei Jahre Zeit, oder drei, ich weiß es nicht mehr.
Ich wusste auch nicht, wie schnell die Tiere sind unterwegs, wie schnell die ermüden, wie schnell die Hufe sich abreiben, all sowas. Also für Langstrecken hatte ich noch keine Erfahrung. Da habe ich lieber ein bisschen mehr Zeit in Anspruch genommen. Ich wusste zwar, irgendwo kommen die Alpen, da wird’s bergig, aber da zwischen drin, wie viel Berge haben wir denn da? Wie schnell sind wir? Wie lange halten die Fahrzeuge? Was kann kaputtgehen?
Das war ein richtiges Abenteuer. Also Kurs war einfach nur grob nach Süden.
Hat gar nicht lang gedauert, dann kamen immer mehr Leute mit.
– „Hey, so ein Abenteuerurlaub, ich hab nur drei Wochen Zeit, aber darf ich vielleicht noch mitgehen?“
– „Na klar darfst du drei Wochen mitgehen.“
Auf seinem Weg nach Amerika wurde Helmut an der österreichischen Grenze gestoppt.
Helmut: Immer wegen der Tiere. Als Mensch hattest du die ganze Welt offen. Außer den Osten. Aber mit Tieren war die Welt klein. Ist aber ein Widerspruch, meine Welt war riesig groß, auch wenn ich nur einen Radius hatte von vielleicht 500km. Aber ich habe in einer Woche mehr erlebt als manche in zehn Jahren. Auch in meinem kleinen Radius.
Vor seinem Grenzübergang nach Frankreich verbrachte Helmut und Begleitung ca. drei Monate auf einem Hof im Schwarzwald. Nach einigem bürokratischen Hin und Her konnte er endlich die Grenze passieren.
Helmut: Am nächsten Tag kam die Derogation zurück aus Frankreich. Zack, der erste Grenzübertritt konnte also funktionieren. Wenige Tage später bin ich dann wieder aufgebrochen, das war ahh, zurück zum Vagabundenleben! Das war ein Schritt zurück ins Paradies. Endlich ist der Horizont wieder frei. Nicht diese engen bebauten Täler vom Schwarzwald, und der Nachbarhof, das ist irgend so ’n Bauer, der die Grashalme zählt, im Nachbardorf gehen überall die Fenster auf: „Ziegenböcke! Zigeuner!“ oder irgend sowas, was auch immer für Vorurteile die Leute haben. Und die gehen dann von Haus zu Haus weiter, wie Stille Post und jeder brüllt irgendwas. Und das war der Schwarzwald, war ganz furchtbar.
Und plötzlich kam ich an den Kaiserstuhl wieder runter, die Ebene, freier Horizont. Endlich wieder mal ein Zelt aufstellen. Wo du nicht wusstest was in der Nacht passiert und was am nächsten Morgen wird. Und wo das Wetter plötzlich wieder einen Wert für dich hat, ob’s heut Nacht regnet oder nicht. Hausbewohnern ist das völlig wurscht, der weiß nicht mal ob Vollmond ist. Der weiß gar nichts. Das halbe Leben geht an dem vorbei. Und wenn du draußen wohnst, bist du ein Teil des Universums. Das ist eine ganz tolle Sache.
Carolin: Gab es in Frankreich einen Unterschied bezüglich der Reaktionen der Leute auf euch?
Helmut: Frankreich ist ein viel ärmeres Land, und die können sich nicht soviel Tierschutz leisten, auch Tierfreundlichkeit können sie sich nicht leisten. Und entsprechend war die Ablehnung viel höher. Vor allem von Seiten der Polizei. Die haben sich auch diesen Spaß draus gemacht, jeden Tag das Gepäck zu kontrollieren. Jeden Tag. Schikane. Und du hattest, also ich hatte diese Derogation dabei, und auf der Derogation stand natürlich das Grenzübertrittdatum drauf.
Für die Tiere war das kein Problem, die konnten unbefristet im Land bleiben, die sind auf diesem Weg Franzosen geworden, durch die Derogation. Aber ich nicht! Denn du musst dich nach drei Monaten irgendwo als wohnhaft melden, sonst musst du das Land wieder verlassen, das ist heute noch so.
Und ich war der einzige Idiot, der einen Stempel hatte, weil er die Grenze übertreten hatte. Jeder konnte sagen, ich bin gestern erst über die Grenze, keinem konnten sie es nachweisen, nur wenn du mit Tieren reist. Das heißt, die Sache hat sich minütlich zugespitzt. Ich musste nach drei Monaten Frankreich wieder verlassen, egal über welche Grenze. Sonst gibt’s Ärger. Das haben die mir vorher schon gesagt, wir werden alle Ihre Tiere konfiszieren, Ihren Planwagen auch. Auf Ihre Kosten werden Sie zurücktransportiert und kein Tier kriegen Sie lebendig wieder.
In dem Fall hast du Landfriedensbruch begangen. In diesem Fall wirst du eingesperrt, deine Tiere sind herrenlos und dann bist du keine Aufsicht mehr für die Tiere und herrenlose Tiere werden nach französischem Recht geschlachtet, aus. Der etwas kühle Rückenwind von Seiten der Gesetzgebung. Ich hab mich überhaupt nicht dran stören lassen. Bis Lyon bin ich gekommen. Dann waren die drei Monate um.
Mit Hilfe seines Bruders haben Helmut und seine Tiere Frankreich unbeschadet wieder verlassen können.
Helmut: (…) Das sind auch so Momente, wenn du als Vagabund den Moment nicht am Schopf packst, hast du verloren. Du musst ihn einfach packen. Du hast ihn nicht planen können und er kommt nie, nie, nie, nie wieder. Wenn du diesen Moment nicht packst, hast du alles ruiniert. (…)
Und da kam plötzlich ein Bauer an, dem ich seit meiner Jugend schon immer mal wieder bei der Ernte geholfen hatte, und der sagte, Mensch ich hab da von meinem Kollegen gehört, der hat da ne abgebrannte Pferdekoppel am See. Die ist gepachtet, die muss der an Bensheim zurückgeben, dann ist er sie los oder er muss sie irgendwie verwenden, das ist die Vorgabe von der Stadt gewesen. Willst du die denn haben? Kost nix. Außer, dass der will, das du ihm in der Sommerernte ein bisschen hilfst, so hat er das genannt.
Und da fing das an, dass ich einfach am See Land hatte, wo ich dann zehn Jahre lang gewohnt hatte. Einfach so ungeplant, ich betone immer wieder, Vagabunden leben ungeplant.

Carolin Falk

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Eine Antwort zu “Vagabundenliteratur

  1. Robert Neumayer

    es gehört doch viel kraft dazu, dies freiwillig zu tun. ich habe auch nasse und kalte tage und nächte im freien zugebracht, es immer wieder versucht, aber jedesmal recht bald wieder aufgegeben.

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