Reiseliteratur

Reflexionen zum Vortrag(sthema) von Prof. Dr. Uta Schaffers Reisen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 

Reisen als kulturelle Praxis – Impulse zum Vortrag Prof. Dr. Uta Schaffers

 

Reise als kulturelle Praxis – Schnittstelle – Reise-Schreiben als textuelle Praxis

In der Reiseliteratur ist die Reise selbst der Motor des Erzählens. Sie treibt den Text voran, das Erlebte soll durch die Verschriftlichung in all seinen Facetten vermittelt werden. Die Schwierigkeit liegt darin die Wahrnehmung so in einen Text zu übersetzen, dass die in der Realität existierende Lücke zwischen der Sprache und dem tatsächlich Gefühlten und Erlebtem geschlossen wird. Diesem Anspruch gerecht zu werden, ist wahrhaft keine leichte Aufgabe, doch wer diese Hürde meistert, nimmt seine Leser mit auf eine spannende Reise!

In der heutigen Zeit gehen wir davon aus, dass immer schon jemand vor uns an einem Ort war. Die Zeit der weißen Flecken auf den Landkarten ist vorbei – unwiderruflich vorbei! Wir reisen heutzutage auf Spuren, die von früheren Reisenden gelegt wurden. Doch sind wir stetig darum bemüht, originelle und eigene neue Reiseerfahrungen zu machen. Was gestern noch in Mode war, ist heute schon wieder ein alter Schuh. Wer „in“ sein will, ist immer und überall auf der Suche nach etwas Neuem. Doch was ist heute schon wirklich neu? Die Sehnsucht nach unberührten Räumen mag neu sein, nicht jedoch die Reise an solch einen Ort. Auch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur besinnt man sich auf die Wiederkehr von Abenteuern und die Sehnsucht nach unberührtem Land.

Reisen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Waren Reise-Schreiben zu Beginn noch an das „Ich“, an das eigene Erleben, gebunden, so sind sie mittlerweile auch losgelöst davon zu betrachten. Reiseromane leben von der Fiktionalisierung. Sie können aus der eigenen, aber auch aus einer fremden Perspektive erzählen. Ob eine Erzählung fiktional, real oder vielleicht sogar beides zusammen ist, bleibt dem Autor überlassen. Die aktuelle Tendenz des Einzugs einer gewissen „Welthaltigkeit“ in der Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass tatsächlich stattgefundene Entdeckungs- und Forschungsreisen als Grundlage für moderne Romane dienen. Die Nähe zu einer historischen Wirklichkeit erlaubt es auch, in eine Zeit zurückzugehen, in der es noch Räume gab, die als unbetreten galten. Die Idee des Unbeschriebenen soll unser bereits erwähntes Verlangen nach immer Neuem stillen. Es ist ein Spiel mit Intertextualität, Zitaten und Strategien, welches die Autoren verwenden, um ihren Lesern Spuren zu legen, um Verbindungen offenzulegen oder um sie vor ihnen zu verbergen. Auch Christian Kracht gehört zu den Autoren, die mit ihrer Leserschaft spielen.

Christian Kracht: Imperium

Krachts neuer Roman Imperium, der 2012 auf dem Buchmarkt erschien, bedient sich ebenfalls der „Welthaltigkeit“. Es handelt sich dabei nicht um einen typischen Entdeckerroman. Die historische Disposition ist gegeben, indem Kracht seine Erzählung auf der historischen Person August Engelhardts (1875-1919) aufbaut. 1902 kam Engelhardt in die Südsee, dem heutigen Papua-Neuguinea, und gründete dort den „Sonnenorden“, der sich dadurch auszeichnete, dass der Mensch sich ausschließlich von Früchten ernährt, um die marode Welt zu heilen. Engelhardt erklärte die Kokosnuss zum vollkommensten Nahrungsmittel, da sie der Sonne am nächsten ist, und den Menschen, der sich nur von Kokosnüssen ernährt, in einen gottähnlichen Zustand versetzen soll.

Mit dem Romananfang beginnt auch die Reise der Hauptfigur Krachts, die sich auf einer Schiffsreise befindet.

Der Roman weist eine mythisch-narrative Grundstruktur auf: Aufbruch – initiatives Abenteuer – Heimkehr. Immer wieder verwendet Kracht in Imperium filmische Metaphern, um einzelne Situationen stärker hervorzuheben. Durch die so erzeugte Bildlichkeit gibt uns der Autor vor, wie wir die jeweilige Szene zu sehen haben. Das Motiv der Mobilität, der Reise, tritt in den klassischen Formen des Unterwegssein auf, indem Kracht sie mit topischen Versatzstücken tradiert: die Schiffsreise wird aufgrund der langen Dauer als betont langweilig dargestellt, wohingegen man sich auf einem Fußmarsch wie selbstverständlich verirrt und eine Bahnreise erkennt man an dem typischen Blick aus dem Fenster, bei dem die Landschaft an einem vorbeigleitet.

Kracht legt indes nicht nur in seinem Roman Spuren („Namedropping“). Die ersten verweisenden, spurenartigen Elemente finden sich bereits auf dem Cover. Das Titelbild seines Buches zeigt einige klassische Elemente des Abenteuerromans (Schiff, Meer, Totenschädel, Salamander, …) in einem comichaften Stil, der an Hergés Tim und Struppi erinnert. Zweifelsohne mit Bedacht gewählt, wie auch all die anderen Spuren, die im Laufe der Geschichte ausgelegt werden, bedürfte es einer weitaus längeren Auseinandersetzung mit diesem Roman, um ihn in seiner Gesamtheit zu erfassen!

Spurensuche im Alltag, die Lust auf das Neue und Unbekannte

Auch hier spielt die Kokosnuss (außerhalb der Reiseliteratur) eine interessante Rolle, indem sie als exotische Frucht die Assoziation zu Urlaubsmomenten herzustellen versucht. Die Frucht, die in unseren Breitengraden nicht anzutreffen ist, vermittelt uns das Gefühl der Ferne (ebenso wie im vorher beschriebenen Roman gilt sie als Inbegriff der Sonne und der Wärme). Kokosflocken, Kokosmilch, Kokoseis oder als Zutat in der beliebten Pina Colada ist sie im Lebensmittelsortiment nicht mehr wegzudenken. Betrachtet man nun insbesondere in den deutschen Sommermonaten die hiesigen Drogerieabteilungen, ist offensichtlich, dass die Kokosnuss bereits weit mehr als nur ein „Nahrungsmittel“ ist: Shampoos, Seifen und Parfüms in weißen Flaschen und Verpackungen, illustriert mit einem perfekten Strandabbild und einer gerade frisch aufgeschlagenen Kokosnuss, locken mit dem süßen Duft der Ferne und der Reiselust… Auf dieser Beobachtungsreise stellen wir fest, dass nicht nur die deutsche Gegenwartsliteratur von Reisetopoi geprägt ist, sondern sich die Spuren der Abenteuerlust und dem Neuen, weg vom bekannten und routinierten Alltag, in vielen Bereichen finden lassen. Um die Lust auf den nächsten Reiseroman zu wecken, geben wir Ihnen das passende Rezept mit „auf den Weg“:

 

Kokoscreme

3 Blatt Gelatine für 10 Min. in einer Schüssel mit kaltem Wasser weich werden lassen. 250 ml Kokosmilch, 30 g Kokosraspeln, 70 g braunen Zucker, 1 Päckchen Vanillezucker und 2 EL frisch gepressten Zitronensaft in einer kleinen Pfanne aufkochen, von der Herdplatte nehmen und 5 Min. quellen lassen. Die Gelatine dazu rühren und ca. 40 Min. bei Zimmertemperatur auskühlen lassen. 500 ml Schlagsahne schlagen und vorsichtig unter die Masse heben. Für mindestens 2 Stunden in den Kühlschrank geben. Kann wahlweise mit Mangostückchen oder anderen Früchten der Saison, z.B. Erdbeeren oder Himbeeren, serviert werden.

 

Weitere Empfehlungen zu diesem Themengebiet:

BRILLI, ATTILO: Als Reisen eine Kunst war

DANZ, DANIELA: Gedichtband Pontus

DEFOE, DANIEL: Robinson Crusoe

FORSTER, GEORG: Ansichten vom Niederrhein

HAMANN, CHRISTOF: Usambara

HARTMANN, LUKAS: Bis ans Ende der Meere

HOMER: Odyssee (Wanderungen des Odysseus)

HOPPE, FELICITAS: Paradiese, Übersee

KEHLMANN, DAINEL: Die Vermessung der Welt

KIPLIN, RUDYARD: Das neue Dschungelbuch

KIPLING, RUDYARD: Reisebriefe aus Japan

KRACHT, CHRISTIAN: Imperium

RANSMYR, CHRISTOPH: Die letzte Welt

STANGL, THOMAS: Der einzige Ort

TROJANOW, ILIJA: Der Weltensammler

YOKO, TAWADA: Wo Europa anfängt

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