Reiseführer

Reflexionen zum Vortrag(sthema) von Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke „Man sieht nur, was man liest.“ Reiseführer als Spiegel ihrer Zeit.

(Bildquelle: flickr:-AX- | flickr | CC BY-NC 2.0)

Er ist klein, liegt gut in der Hand, lässt sich problemlos im Rucksack verstauen und hat die meisten Antworten auf unsere Fragen. Sicherlich kann er uns nicht die Welt erklären, aber er kann sie uns nahe bringen, uns eine Orientierung in ihr bieten und uns die Augen für die schönsten Orte dieser Erde öffnen. Er kann uns mit interessanten Menschen zusammenbringen und uns Dinge erleben lassen, die uns in Erinnerung bleiben werden. Er kann unsere Sinne fordern und uns unvergleichbare Geschmackserlebnisse bescheren. Er kann unseren Horizont in jeglicher Hinsicht erweitern. Wer könnte gemeint sein? – Nein, ein Guru im Taschenformat ist es nicht – gemeint ist der Reiseführer. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begleitet er nun schon Menschen auf ihren Reisen. Er ging mit der Zeit und veränderte sich mit ihr. Heute finden wir eine enorme Auswahl an Reiseführern, die scheinbar wirklich etwas für jeden Reise-Geschmack parat haben. Reise mit dem Auto? Mit dem Fahrrad? Allein oder zu zehnt? Hotel oder Hütte? Millionenmetropole oder doch einsame Pfade? Er kann einfach alles! Kein Wunder also, dass ein solches „Allroundtalent“ einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt und die Aufmerksamkeit von Sprachwissenschaftlern weckt. Einer dieser Wissenschaftler ist Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke von der Universität Koblenz-Landau. In dem folgenden Interview erzählt Prof. Dr. Diekmannshenke, weshalb Reiseführer als „Spiegel ihrer Zeit“ gesehen werden können, worum es sich bei dem „romantischen Blick“ in  Reiseführern handelt und weshalb sie das Verstehen von anderen Kulturen auch mal erschweren können.

Burkhart Lauterbach hat Reiseführer als „Sehanleitungen“ bezeichnet. Stimmen Sie dieser Definition zu?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Ja, das stimmt in gewisser Weise. Durch die Auswahl dessen, was im Reiseführer als sehenswürdig beschrieben wird, bekommt man natürlich eine Auswahl, was wichtig und was unwichtig ist. Reiseführer sind „Sehanleitungen“, weil sie den Reisenden mitunter auch relativ klar sagen, was man denn nun sehen soll und was man gesehen haben muss. Es wäre aber meiner Ansicht nach zu kurz, Reiseführer ausschließlich auf den Begriff der „Sehanleitung“ zu reduzieren. Sie sind ebenfalls Orientierungshilfen, weil sie den Nutzern praktische Informationen liefern, z.B., welche Hotels teuer sind, wie Öffnungszeiten sind und dergleichen mehr. Ich glaube, heute haben sich die Leute so emanzipiert, dass sie selber mitentscheiden und den Reiseführer nicht als „Anleitung“ in dem Sinne verstehen, sondern als Unterbreiter eines Interpretationsangebotes. Die meisten Leute suchen sich das heraus, was sie interessiert. Es kann aber natürlich schon dazu kommen, dass sich die Reisenden dann erstmal an dem orientieren, was sie angeboten bekommen und gar nicht erst darüber nachdenken, was sie sich denn noch anschauen könnten.

Also sind sie der Meinung, dass ein Reiseführer das Reiseerleben auch beschränken kann?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Ja, Reiseführer können das Reiseerleben beschränken. Wenn ich irgendwo bin, wo ich mich nicht auskenne und ich habe einen Reiseführer, dann werde ich den vermutlich auch benutzen. Es sei denn -und das mache ich sehr gerne- ich laufe nicht mit dem Reiseführer durch die Stadt, sondern laufe durch die Stadt und schaue es mir an, laufe einfach herum. Ich würde gegebenenfalls erst anschließend auf einen Reiseführer zurückgreifen und darin nach Informationen suchen, die ich vor Ort nicht bekomme. Die andere Möglichkeit ist, sich stärker am Reiseführer zu orientieren, insbesondere, wenn man vorgeschlagenen Routen durch Städte folgen möchte. Dann läuft man selbstverständlich Gefahr, dass man folgendem Schema verfällt: Was ist da vorne? – Das ist eine Kirche. -Welche ist das? – Da muss ich mal nachschauen. Dabei nimmt man möglicherweise das, was drum herum ist, nicht so wahr, weil es im Reiseführer nicht entsprechend präsentiert wird. Da würde ich schon sagen, dass eine Einschränkung durch Reiseführer bestehen kann.

Inwiefern kann man Reiseführer als „Spiegel ihrer Zeit“ betrachten?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Ich denke, dass viele Dinge letztendlich ein Spiegel ihrer Zeit sind, weil sie natürlich unter bestimmten Bedingungen, Erwartungen, unter bestimmten Konventionen in einer bestimmten Zeit entstehen. Betrachtet man Reiseführer in ihrer historischen Entwicklung, so kann man darin auch eine Veränderung z.B. der Sehgewohnheiten und der Beschreibungen der Attraktionen sehen. Und man kann erkennen, dass in bestimmten Zeiten womöglich mehr Wert auf Technisches gelegt wurde, wo heute vielleicht eher das Erlebnis eine Rolle spielt. Heute reicht es nicht mehr aus, im Reiseführer einfach nur bestimmte Sehenswürdigkeiten beschrieben zu bekommen, weil man diese Informationen auch aus dem Internet bekommt. Der Reiseführer von heute muss mehr bieten – das, was mir sozusagen diese medialen Informationshilfen dann nicht geben können. Deshalb glaube ich spielt heute zum Beispiel Wellness, Erlebnis, das Besondere, das Ungewöhnliche, was ich wo anders so jetzt erstmal nicht erhalte, eine größere Rolle als zu anderen Zeiten und wird verstärkt in Reiseführern behandelt.

Inwiefern hat sich die Funktion der Reiseführer im Wandel der Zeit verändert?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Die Reiseführer heute sind viel spezialisierter. Es gibt Reiseführer für alles und jeden, für Kleingruppen und Großgruppen, für ganz spezifische Leute, die mehr Sportaktivitäten machen wollen, für Leute, die in Museen gehen wollen usw. Die Reiseführer von heute richten sich sozusagen an „Special-interest-groups“. Das hat es früher nicht gegeben. Die Baedecker hatten zu Beginn noch keine Spezialisierungen, sondern richteten sich ganz allgemein an Reisende, waren „Handbuch für Reisende“. In den 50er/60er Jahren kamen dann die Autoreiseführer auf dem Markt, weil die Leute verstärkt privat Autos besaßen. Und dann haben sich Reiseführer nach und nach immer weiter auf bestimmte Zielgruppen hin spezialisiert.

Findet man den „romantischen Blick“ heute noch in Reiseführern? Falls ja: Inwiefern hat er sich verändert?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Die ersten Reiseführer entstehen ja Mitte des 19. Jahrhunderts als die Romantik noch eine wichtige Rolle spielte und gerade z.B. die Rheinreiseführer (Baedecker) sind eng mit der Rheinromantik verknüpft. Der romantische Blick drückt meiner Meinung nach den Gedanken aus, dass die Leute eigentlich erst daran gewöhnt werden mussten, zu reisen und sozusagen „zu sehen“, das Besondere zu sehen. Sie mussten lernen, mit diesen neuen Sinneseindrücken umzugehen, sie einordnen zu können und sich in die Landschaft „einzufühlen“, denn das spielt in den frühen Reiseführern eine große Rolle. Auch das Verkehrsmittel Eisenbahn trug zu einer Veränderung der Sehgewohnheiten durch das Reisen bei. Die Leute mussten erstmal lernen, aus dem fahrenden Zug zu schauen. Sie waren teilweise völlig verstört, dass die Landschaft in einem irren Tempo –das waren damals ganze 40-50 Stundenkilometer- an ihnen vorbeigerast ist. Die Leute hatten wirklich das Gefühl, sie könnten nichts mehr sehen, weil es ihnen so schnell vorkam. Sie waren einfach andere Geschwindigkeiten gewohnt. Wenn wir heute auf der Autobahn mit 150 km/h fahren, dann haben wir nicht das Gefühl, die Landschaft rauscht an uns vorbei und wir können nichts mehr sehen. Die Reiseführer halfen den Menschen nun dabei, mit diesen Veränderungen der Sehgewohnheiten klarzukommen. Sie gaben Auskunft,  wie man sich als Reisender eigentlich verhalten solle und wie man schauen solle. Irgendwann wussten die Leute dann aber, wie das funktioniert und welche Sehenswürdigkeiten wichtig sind. Die Reiseführer veränderten sich, setzten andere Schwerpunkte und stellten immer mehr die Fakten in den Mittelpunkt. Und das ist heute eigentlich durchgängig in Reiseführern zu beobachten. Man würde heute in keinem Reiseführer mehr die Formulierung „Ich stehe da vor diesem Turm und bin ergriffen von der Größe.“ Finden. Solche Formulierungen waren beispielsweise für die frühen Baedecker geläufig. Auch würde man heute keine minutiöse Streckenbeschreibung mehr im Reiseführer finden, wie es beispielsweise bei den Autoreiseführern der Fall war. Die Leute wissen, wohin man fährt, woran man sich orientieren muss oder haben das Navi dabei, deshalb hat sich das dann grundlegend verändert. Die Einübung in die Praxis muss nicht mehr erfolgen. Heute stehen einerseits Fakten im Vordergrund, andererseits werden immer mehr der Genuss- und der Erlebnis-Aspekt betont. Der romantische Blick wird heute eher über Bilder transportiert.

Welche Rolle spielen Bilder heutzutage in Reiseführern?

Antwort Prof. Diekmannshenke: In Reiseführern liefert mir der Text die Fakten, die Informationen, die ich haben will sozusagen als Orientierungsangebot und das Bild lädt mich zum romantischen Sehen ein. Das Bild ist offen. Das kann ich dann toll finden, da kann ich verschiedene Assoziationen haben. Wenn ich im Reiseführer jedoch lese, wie ich etwas zu betrachten habe, dann kann ich mich auch schnell bevormundet fühlen. Das ist nicht immer eine gute Strategie. Das Bild übernimmt die Anleitung zum romantischen Blick in gewisser Weise, aber in abgeschwächter Form. Darüber hinaus geben Bilder die Möglichkeit, sich in Reisestimmung zu versetzen, das Schöne schon mal zu sehen oder im Nachhinein zu sagen: „Ach war das toll!“ – sozusagen als Nachbereitung der Reise. Meistens sind das dann Bildklischees wie man sie auch auf Postkarten findet. Wenn man in irgendeinem Reiseführer eine beliebige Seite aufschlägt, dann würde man in fast allen Fällen ein Motiv finden, das man sich auch auf einer Postkarte vorstellen kann.

Welche Erwartungen werden an Reiseführer gestellt?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Man stelle sich vor, man möchte als Normalreisender nach Rom, schlägt den Reiseführer auf und kann das Kolosseum nicht finden. Dann würde man sich denken: „Das Kolosseum ist nicht drin, der Reiseführer taugt nichts.“ Kein Standardreiseführer kann es sich leisten, wenn es um Rom geht, das Kolosseum nicht zu beschreiben. Es gibt also einen kulturellen Fundus, aus dem die Reiseführer-Macher schöpfen. Wenn Sie aber sagen: Bloß nicht diese ganzen Touri-Dinger, dann werden sie aber zu einem anderen Reiseführer greifen, z.B. zu „Anders Reisen“.  

Werden Reiseführern in Buchform von Online-Reiseführern irgendwann abgelöst?

Antwort Prof. Diekmannshenke: In der Regel verschwinden ganz bestimmte Textsorten (Reiseführer verstanden als Textsorte) nicht, sondern erhalten neue Funktionen. Es geht vermutlich zurück, dass man Reiseführer in gedruckter Form mit auf die Reise nimmt. Man wird sie womöglich mehr zur Reisevor- und nachbereitung nutzen. Auch möglich ist, dass herkömmliche Reiseführer mit entsprechenden audiovisuellen Angeboten gekoppelt werden. Dann kann man im Hotel noch mal auf den Reiseführer zurückgreifen und das, was man dann morgen machen möchte, auf das Smartphone herunterladen und sich damit auf den Weg machen. Oder man hat eine entsprechende App, die man dann sozusagen vor Ort nutzen kann. Wie sich auch die Baedecker verändert haben, werden auch die medialen Bedingungen dazu führen, dass sich auch die Reiseführer verändern.

Eine These in der Tourismusforschung besagt, dass Reiseführer das Fremdverstehen erschweren. Wie stehen Sie zu einer solchen These?

Antwort Prof. Diekmannshenke: Das glaube ich sehr. Reiseführer erschweren das Fremdverstehen nicht, weil sie es wollen, sondern aus verschiedenen anderen Gründen: Die meisten Reiseführer, die es bei uns gibt, werden von deutschsprachigen und deutschstämmigen Autorinnen und Autoren geschrieben, die natürlich nicht in der zu beschreibenden Gesellschaft aufgewachsen sind. Sie haben daher einen anderen Blick auf eine Gesellschaft, auf eine Kultur, auf ein Land als die Leute, die dort vor Ort leben. Natürlich hat man als Reisender ebenfalls den Blick von außen, aber, um mehr über ein Land zu erfahren, ist es natürlich auch wichtig, den Blick von Innen in Reiseführer mit einfließen zu lassen. Es ist übrigens auch relativ selten, dass Reiseführer aus einer anderen Sprache übersetzt werden. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass das jeweilige Publikum möglicherweise auch etwas anderes erwartet und dass Reisende aus unterschiedlichen Ländern mit ein und demselben Reiseziel möglicherweise ganz unterschiedliche Erwartungen haben. Und diese Erwartungen müssen ja auch irgendwie erfüllt werden, wenn man solche Reiseführer produziert. Das zweite ist: Der Reiseführer-Markt ist hart umkämpft. Man muss also Produkte haben, die auf dem Markt bestehen können. Das führt dann natürlich auch dazu, dass man unter Umständen nicht so viel Zeit und Mühe investieren kann, um eine Kultur, ein Land  so umfassend kennen zu lernen. Wenn Sie fünf Jahre für das Schreiben eines Reiseführers brauchen, verdienen sie nichts damit, weil kein Verlag fünf Jahre darauf wartet, bis dann endlich der Reiseführer da ist. Auch gibt es ein grundsätzliche Problem: Je weiter eine Kultur von uns entfernt ist, umso schwerer ist es natürlich auch für denjenigen, der in dieses Land kommt -ob mit oder ob ohne Reiseführer- sich dort zurecht zu finden. Wir übertragen meist erstmal unsere eigenen Erwartungen, unsere alltäglichen Kenntnisse auf das Land und müssen dann häufig feststellen, dass das in der Ferne ganz anders funktioniert. Und genau das auch zu vermitteln, macht die Schwierigkeit des Reiseführer-Schreibens aus. Es hat immer Versuche gegeben, man ist aber auch häufig gescheitert. Ausnahmen gibt es, zweifellos, aber es ist eher schwierig. Die Erschwerung des Fremdverstehens ist also nicht gewollt, sondern fast eine logische Konsequenz aus den Faktoren, die einfach bei der Entstehung, dem Verkauf usw. von solchen Reiseführern eine Rolle spielen. Da ist es vielleicht wirklich besser auf den Reiseführer in dieser gedruckten Form zu verzichten und sich nur wenige wichtige Informationen einzuholen, die man natürlich haben muss, wie z.B.: „Welche Schutzimpfungen sollte ich machen? Welche Reisedokumente brauche ich? “.

 

Für alle, die sich für das Thema interessieren und noch mehr erfahren möchten, hier ein Link zu  einem Beitrag des DRadio Wissen. Nico Rau erzählt die Kulturgeschichte des Reiseführers.Viel Freude beim Hören!

http://wissen.dradio.de/reisefuehrer-vom-jacobsbuch-bis-nearest-wiki.40.de.html?dram:article_id=215027

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