Postkarte

Reflexionen zum Vortrag von Anett Holzheid: Bild-sprachliche Momentaufnahme und soziales Signal. Zur Ritualisierung von Reisekommunikation per Postkarte

Seit der zunehmenden Verbreitung von Postkarten, ermöglicht durch die Entfaltung der deutschen Post, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, lässt sich anhand der Ansichtskarten eine Ritualisierung der Reisekommunikation feststellen, so die These von Frau Dr. Holzheid. Diese Ritualisierung lässt sich wie folgt charakterisieren: Zunächst bleibt festzuhalten, dass Postkarten, ähnlich wie Urlaubsfotos, meist als demonstrativer Akt fungiert, ja geradezu als eine Art des Beweises ins Spiel gebracht wird („Ich war am höchsten Punkt der Zugspitze“). Zudem werden neueste Errungenschaften oder bisher unbekannte Attraktionen an die Heimat übermittelt, wodurch dem Adressaten eine ‚spontan Teilhabe’ am Urlaubsgeschehen ermöglicht wird und eine Stabilisierung der Beziehung gesichert ist. Dementsprechend werden Unmutsbekundungen hinsichtlich der Reise geradezu tabuisiert. Die kurze Form der Karte ist mit einem Tagebucheintrag oder einem Memo zu vergleichen. Sogar Unterschiede im Hinblick auf die Eloquenz der Autoren sind kaum auszumachen.

Ein allgemeines, mögliches Muster der Postkarte wäre: Zuerst erfolgt die Skizzierung der eigenen Situation (I), daraufhin folgt eine Erkundigung bezüglich der Verfassung des Adressaten (II), abschließend werden mithilfe von Formulierungen wie „In Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen“ oder „Wenn wir zurückgekehrt sind, schauen wir gemeinsam Urlaubsfotos“ beide Kommunikationspartner gewissermaßen wieder zusammengeführt (III).

Und neben der Gestaltungsstruktur lässt sich auch eine funktionale Analyse der Postkarte vornehmen: Vor Allem ist hier natürlich die Aufrechterhaltung der Kommunikation anzuführen: Der Reisende nutzt das Format Postkarte, um mit denen zu (tele)kommunizieren, die nun einmal zur Zeit nicht vor Ort sind. Die gewohnte Kommunikation mit den Menschen daheim kann so – wenn auch mit einiger Verzögerung und Barriere – aufrecht erhalten werden.

Doch die Funktion der Postkarte ist nicht erschöpfend besprochen mit der Tatsache, dass überhaupt eine Kommunikation aufrechterhalten wird. Das zentrale Moment der Postkartenkommunikation ist die Bedeutung ihrer Beziehungsseite. Die Postkarte wird nicht typischerweise verschickt, weil wichtige Informationen auf der Sachebene übermittelt werden müssen. Es geht vor allem um die soziale Geste eines Grußes, eines Sich-Meldens, eines Reisezeichens. Es geht um die implizite und explizite soziale Verortung seiner selbst im Verhältnis zu den Menschen daheim.

Die Ritualisierung der Postkarte mit aller Kunst und allem Kult der sie umgibt, geht genau mit dieser Übergewichtung ihrer sozialen Funktion einher. Die Postkarte ist vor allem Beziehungsmedium, weniger ein Mittel der Informationsübermittlung. Und wie die Kommunikation, die im Schwerpunkt Ausdruck einer sozialen Beziehung ist, ihre Verfassung im Ritual findet, bestätigt sich mit den Analysen von Frau Dr. Holzheid erneut, eindrucksvoll an einem genauso speziellen wie interessanten Beispiel.

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