„Straße, endlose Straße“ – Vagabundenliteratur und Vagabondage (1900-1933)

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mehren sich literarische Vagabunden-Darstellungen, sowohl im Kontext des Naturalismus wie später auch des Expressionismus. Um 1900 steht dabei immer wieder das Problem von Arbeit und Arbeitslosigkeit im Mittelpunkt. Dabei geht es zumeist um Perspektiven einer Re-Inklusion des Vagabunden in die Gesellschaft eben durch seine Eingliederung in den Arbeitsprozess.

Dieser Akzent verschiebt sich in den 1920er Jahren, als mit der Gründung der Bruderschaft der Vagabunden ein ganz anderes vagabundisches Selbstbewusstsein formuliert wird: „Generalstreik ein Leben lang“ (Gregor Gog) lautet nun die Parole. In Lyrik, Essay, Manifest, Erzählprosa, Reportage, in Bildern und Zeichnungen wird ein ‚Projekt Vagabondage‘ proklamiert, das die Figur des Vagabunden zum Vorreiter gesellschaftlicher Veränderung ausruft und auf seiner sozialen Exklusion beharrt. Die Träger dieser Literatur und Kunst waren häufig selbst Vagabunden bzw. schöpften aus eigener vagabundischer Erfahrung.

Daneben floriert in der Weimarer Republik eine Vagabunden-Literatur, die sich unpolitisch gibt und aus dieser Figur ästhetische Reize zu ziehen sucht – mit großem Publikumserfolg, wie die sechsstelligen Auflagen der einschlägigen Vagabunden-Romane etwa von Waldemar Bonsels, des Biene Maja-Autors, belegen, oder auch der Erfolg von Hesses Knulp zeigt.

1933 bedeutete auch für die Vagabundenbewegung und für ihre Kunst und Literatur das gewaltsame Aus: einigen von ihnen wie dem sog. Vagabundenkönig Gregor Gog gelang die Flucht ins Exil, andere wurden inhaftiert oder konnten sich irgendwie durchschlagen. Erst seit den 1970er Jahren wurden die Zeugnisse dieser Bewegung archiviert (Fritz Hüser-Institut in Dortmund), in der Germanistik beachtet und durch Anthologien und Monographien erschlossen.

Walter Fähnders ist apl. Professor für Germanistik/Neuere deutsche Literatur an der Universität Osnabrück. Schwerpunkte seiner Arbeit waren und sind die Literatur und Kultur sozialer Bewegungen, die europäische Avantgarde und die Literatur der Moderne, dabei besonders die der Weimarer Republik.

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