Postkarte aus Mainz

„Bild-sprachliche Momentaufnahme und soziales Signal. Zur Ritualisierung von Reisekommunikation per Postkarte.“

Ein Vortrag von Dr. Anett Holzheid vom Institut für Neuere Deutsche Literaturgeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mittwoch 23.05.2012, 18:15 Uhr, Raum F313

Mittelschwerer zeitlicher, körperlicher und monetärer Aufwand, die Frage wer mit Urlaubsgrüßen bedacht werden muss, ein meist unzumutbares Angebot an Motiven – kurzfristige Zustellung und ökologische Vertretbarkeit ungewiss. Wer schreibt angesichts solcher Hürden eigentlich noch Postkarten? Dann vielleicht doch lieber bloggen, mailen, posten und twittern?
Bevor uns solche Schwierigkeiten den nächsten Urlaub verderben, lassen Sie uns einen kühlen Kopf bewahren und mit Frau Dr. Anett Holzheid die Wissenschaft bemühen…

Ein jüngst bei Spiegel-Online erschienener Artikel verkündet in der Headline die Parole »Posting statt Postkarte« und benennt damit einen derzeit beobachtbaren Kommunikationstrend: In Alternative zur Postkarte nutzt Homo mobilis seit geraumer Zeit nicht nur Kurzbotschafts- und Instant-Messaging-Dienste, sondern betreibt zunehmend soziale Netzwerkpflege mittels Urlaubspostings.

Dieser in dem Artikel postulierte Bezug zwischen Postkarte und aktueller sozialer Netzwerkpraxis soll aufgegriffen und aus kommunikationskultureller Sicht historisch untersucht werden. Anhand so genannter gelaufener Post- und Ansichtskarten aus der Früh- und Hochphase des Mediums wird in dem Vortrag beispielhaft dargestellt, welche Faktoren die Entwicklung der Postkarte hin zu einem Trendmedium für Reisende begünstigt haben und welche Leistungen in soziokommunikativer und soziosymbolischer Hinsicht durch sie erbracht wurden. Neben Karten von unbekannten analogen Gruß-Netzwerkern um 1900, die während einer Reise- oder Ausflugssituation verschickt wurden, werden Einblicke in die Postkartenpraxis von Sigmund Freud, Theodor W. Adorno und Franz Kafka geboten, um differenziert aufzeigen zu können, dass die Postkarte als ritualisierender Reisebestandteil ungemein populär war. Gerade weil das Medium als Lizenz zu einer unerhörten kommunikativen Leichtigkeit verstanden wurde, konnte die Verwendung von Reisepostkarten zu einem diffizilen wie subtilen Spiel werden, das seinen Mitspielern eine ausgeprägte Sensibilität in Bezug auf kommunikativ adäquates Verhalten abverlangte. Während die pragmatische Kurzbotschaft auf einer Gruß-aus-Karte vordergründig zur Erfüllung »ferialer Verpflichtungen« (Th. W. Adorno) dienlich erscheint, ist jedoch gerade aufgrund der Verbindung aus Kurzbotschaft und Bildmotivgestaltung ein Bedeutungsgewinn zu beachten, für den der pathetisch aufgeladene Begriff der »Gabe« zu diskutieren ist. Belegt werden soll schließlich die These, dass aus mediengeschichtlicher Perspektive gerade auch die Maxime »Ohne Postkarte kein Posting« Gültigkeit besitzt.

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